Jesien Poetycka - Poetischer Herbst 2007 - Die polnisch-deutsche Literaturbegegnung (30. Sept. - 3. Okt.) in Ermland und Masuren 

Dichterdialog zwischen Kazimierz Brakoniecki und Hans Claßen (v. l.)

Gedicht Hans Claßen: Am Meer / Nad morzem

 

Hans Claßen

Masuren im Herbstlicht der Poesie

Morgens, am letzten Freitag des September, hatten wir die Grenze bei Stettin überquert, fuhren über Stargard nach Walc, von da an nordostwärts, eine unruhige Fahrt, straßenbedingt fast bis Marienburg; schon nahe Marienburg über die Weichsel, durch das Weichselwerder zur Nogat, der Weichsel östlichen Mündungsarm. Pause auf der Burg – spätmittelalterlich, backsteingotisch die Hochmeisterresidenz – zwei Stunden lang, bis der herbstsonnige Nachmittag weit vorgerückt war.

Als wir Masuren erreichten, sank die Sonne. Hingegen stieg der Landschaftszauber ins Wunderbare. Abendnahen spähte über Heide und Wald. Bald hüllte es auch die Seen und Dörfer am Fahrtweg ein. In später Jugend scheints harrend, wie des Nachsommers an kommenden Oktobertagen.

Zonen ungebrochen intakten Naturerlebens.

Verblieben, verbunden durch die alten Alleen.

Entgegen der nüchtern auf das Fahrtziel Allenstein ausgerichteten Fahrzeugführung fühlte ich ob der dichten Baumbestände meine Aufmerksamkeit von einer sinnigen Berührung tangiert. Hier hätten empfindsame Dichter das irdisch-himmlische Verschmelzen artikulieren mögen und die Waldesstille ernster, mythischer Andacht verglichen – die dicht verwipfelten Buchen- und Eichenkronen romanisch gerundeten Kathedralengewölben.

Masurens sanft hügelige Landschaftsbilder wirkten an der Chaussee im Reize und im Ganzen.

Adalbert Stifter stellte Landschaft so in dem Roman „Der Nachsommer” dar: In die Bilder konnte man sich versenken, weil sie eine Tiefe hatten…

Bis alle Dämmerung aus den Heiden heraustrat, nach und nach die Straßenränder verhüllte…

Vor Allenstein brach die Finsternis herein.

Bewölkung hatte Regen herangetragen, Wolkenbrüche zur Nacht.

Allensteins Straßen wurden Kanäle. – –

Am Park unterhalb des Ordensritterschlosses lag das Hotel. Der Park leuchtete den kühlen Morgen über vor Laubnässe in der Sonne. Erst mittags, die Altstadtdächer übersteigend, erwärmte sie die renovierte, nachmittelalterlich barocke Architektur.

Zeugen aufgeblühten Reiseverkehrs. Auch jungen Kulturbewußtseins.

Hier lebte und wirkte Nikolaus Kopernikus.

Geboren 1473 in der Deutschordensstadt Thorn.

Im Dienste des Königs von Polen begründete er das heliozentrische Weltbild.

Zweieinhalb Jahrhunderte vor den Teilungen Polens; bis zu deren erster 1772 Allenstein mit dem umliegenden Ermland länger als dreihundert Jahre polnisches Krongebiet war.

Der Blick zur Turmuhr erinnert.

Nikolaus Kopernikus, auch Platz und Standbild, Gebäude- oder Straßenname halten das Gedächtnis des großen – größten – Astronomen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit wach. Eine schlichte Vergegenwärtigung polnisch-deutscher Kulturtradition.

Wer sie etikettiert sucht, findet sie in die altstädtische Aura des kopernikanischen Olsztyn-Allenstein geprägt. – –

Olsztyn - Allenstein. Vor dem alten Rathaus (v. l.): Gerlinde Somplatzki, Joanna Felis und Herbert Somplatzki. Der im Sauerland lebende Schriftsteller wurde 1934 in Masuren geboren. “Herbert Somplatzki ist eine ‘lebende Brücke’ von Deutschland nach Masuren”. (Rafal Wolski, Marschallamt Ermland-Masuren; ehemals Kosul der Republik Polen in München) 

Das schöne Wetter blieb während Olsztyns Stadtbesichtigung den gesamten Samstag über. Auch an drei weiteren der vier noch ausstehenden Literatur- und Autorenbegegnungstage. Deren zweiter, Sonntag, führte uns ins Umland: Monika Schreckenberg, Gerlinde und Herbert Somplatzki, die polnischen Begleiter Kazimierz Brakoniecki, Dichter, und Joanna Felis, Planerin der Begegnung, Übersetzerin, junge Geschäftsführerin der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit, sowie meine Frau und mich. Der Gesellschaft gehörte der Kleinbus, mit dem uns Hausmeister Rudolph an allen Tagen mit Rennfahrerblut chauffierte.

Nach Mohrungen-Morag an diesem Sonntag.

Kazimierz Brankoniecki führte.

Zum Johann-Gottfried-Herder-Museum, das Mohrungen für seinen bedeutenden Sohn, 1744 hier geboren, später Lehrer Goethes, vorbildlich unterhält.

Es gab andere wichtige Stationen der Fahrt.

Sie müßten geschildert werden, sind aber ihrer Fülle wegen nicht einmal zu nennen.

Und auf allen Wegen mehrten sich die Landschaftseindrücke, die im frühherbstlichen Sonnenlicht jene der Anreise noch verschönten. – –

 

Frühherbstliche Seenlandschaft: Joanna Felis, Kazimierz Brakoniecki, Monika Schreckenberg.

Masuren - Land der dunklen Wälder

Dem Untergang der ostpreußischern Welt setzte die Dichterin Marie Luise Kaschnitz, in Erinnerung an die Jahre, welche sie in Königsberg lebte, ein unvergängliches Denkmal mit „Juni”, ihrem zur schönsten deutschen Poesie zählenden, aus Jugendmetaphorik gestalteten Gedicht: Schön wie niemals sah ich jünst die Erde… Bei den roten Häusern im Holunder trieben Kinder lärmend ihre Kreisel… Funkelnd lagen ihre blaun Seen… Rauschen ging durch ihre lichten Wälder… Gurrend rührte sich im Schilf die Brut…

Durch lichte Landschaft führte Kazimierz Brakoniecki uns zur frühen ermländisch-masurischen Herbstzeit am 3. Oktober, dem deutschen Nationlafeiertag der Einheit.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte „ten Haaf” unsere Autorenschar verstärkt.

Tags darauf waren Somplatzkis abgereist.

An diesem 3. Oktober waren die Heiden und Wälder von Chaberkowo, Stara Kaletka, Lajs und Orzechowo hell durchflutet, die Luft klar; allein die sandigen Pfade lagen beschattet, im Wald unter leuchtenden Buchen- und Eichenwipfeln, an Seen oder Sümpfen von Erlen, Weiden oder entfärbtem Birkenlaub.

Und hinter dem Waldsaum mehrere Moorgewässer.

Weiher voll Morast, gestaut von gestürtzen Bäumen.

Bäume, die nicht geworfen wurden sondern fielen, wie das Wurzelwerk zeigt, das sich stracks aus den Tümpeln erhebt, während die Stämme wie vermodernde Stege liegen und das Wasser schmaler Bachläufe stauen.

Biber schaffen diese morastigen Gewässerflächen.

Die Wurzelgeflechte der Bäume zerbeißen sie.

Bis Stamm und Krone fallen, die Rinnsale am Waldboden zu Tümpeln dämmen.

Und dem Forstgebiet mehr und mehr Landfläche rauben.

Das Gemüt aber vernimmt Waldesrauschen und Laute im Schilf.

Das Auge erfaßt Gewässer oder zinnoberne Schimmer alter Siedlungen.

Wahrnehmungen einer – man weiß nicht, ob versunkenen oder versinkenden Zeit…

Kazimierz Brakoniecki dichtete Poeme, die „In Chaberkowo” („W Chaberkowie”) als Titel tragen: Ja, ich weiß, Baum ist Baum, Wald ist Wald, Fluß ist Fluß… Poesie hält diese Landschaft und ihre Gewässer unverrückbar an. – –  Biberburg im Moorgewässer. Die Biber zerbeißen Baumwurzeln, die Bäume fallen und stauen Fließgewässer zu weiträumigen morastigen Tümpeln.

Krass der Gegensatz in und bei Hohenstein-Olsztynek.

Die Stadt der Tannenbergschlachten.

Denkmal und Feld.

Hier war das polnisch-litauische Heer 1410 siegreich im Kampf gegen die Ordensritter.

Fünfhundert Jahre später, 1914, Hindenburg gegen die russische Militäroffensive.

Erst am Nachmittag die Mittagsmahlzeit.

Gutsherrlicher Art das gediegene Restaurant. – –

Tags zuvor, Dienstag – einziger regnerischer Tag – hatte Wlodzimierz Kowalewski uns in einen Wald, an einen idyllischen See und dort zum Forsthaus Pranie begleitet.

Wo in der Natur abgeschieden Konstanty Ildefons Galczynski lebte.

Dort 1953 sein Leben selbst beschloß.

Am Orte des Dichterfreitodes: grau unter dunstigen Schwaden der See. – –

 

Vor dem Forsthaus Pranie. Hier lebte bis 1953 Konstanty I. Galczynski. Wlodzimierz Kowalewski, Johanna Claßen, Joanna Felis, Hans Claßen

 

ten Haaf und Monika Schreckenberg 

Mittwoch abend in der Ordensritterburg von Osterode-Ostroda.

Der Literturbegegnung letzte Lesung mit sechs Autoren.

Die Dichterin Alicja Bykowska-Salczynska dabei.

Unter meinen Gedichten „Heideabend”.

Zugeeignet „Ossians Gesang”, wie ihn Goethe in „Die Leiden des jungen Werther” zitierte. Gesang des gälischen Barden: Der Fußstapfen suchte… Ergraut Grabsteine fand… Unser Vortragsprogramm hatte am Montag morgen im II. Allensteiner, nach Galczynski benannten Gymnasium mit einer Lesung vor Abiturienten begonnen, die Deutsch als Fremdsprache erlernen. Für die biographische Vorstellung des Namensgebers vor den deutschen Gästen hatten sich einige Schülerinnen sehr gut präpariert.                              Das Vortragsprogramm begann am 1. Oktober im II. Allensteiner Gymnasium, benannt nach Galczynski, mit einer Lesung Hans Claßen, Herbert Somplatzki (im Bild) und Monika Schreckenberg 

Abiturienten des II. Allensteiner Gymnasiums verfolgen die Lesung

Nach dem Schülergespräch wurde Wlodzimierz Kowalewski unser Begleiter.

Er führte uns zu einem zweiten Gespräch mittags in die Redaktion der „Gazeta Olsztynska”.

Und zu einem dritten, aufgezeichneten nachmittags ins Allensteiner Senderhaus des Polnischen Rundfunks. Die „Gazeta Olsztynska” titelte am nächsten Tag: „Literaci rozumieja sie lepiej niz politycy”. Schriftsteller verstehen sich besser als Politiker.

Polens Parlamentswahlen standen zweieinhalb Wochen bevor.

Da glaubten an die Abwahl der alten Regierung noch wenige derer, die darauf hofften.

Olsztyns Oberbürgermeister dokumentierte seinen Willen zur Verständigung und Freundschaft vor den literarischen Gästen seiner Stadt, als er am Dienstag die abendliche Lesung im Kopernikushaus der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit besuchte und deren Leiterin Krystyna Plocharska sowie deutschen und polnischen Schriftstellern durch Grußwort und Geschenke die Reverenz erwies.

Ebenso am Abend zuvor Rafal Wolski.

Vormals wirkte er als Konsul der Republik Polen in München.

Jetzt leitet er die Wirtschaftsförderung im Marschallamt für Ermland-Masuren. 

Und Joanna Felis hebe ich hervor.

Die junge Geschäftsführerin der Gesellschaft Deutscher Minderheit im Allensteiner Kopernikushaus hatte diesen Poetischen Herbst zustande gebracht.

Sie begleitete unsere Begegnung allerorten.

Als am Abend der Anreise, bei Dunkelheit und in strömendem Regen, meine Frau und ich unser Hotel am Allensteiner Stadtschloß erreichten, hatte Joanna dort gewartet und erbot sich, uns zu einem Restaurant zu begleiten.

Hernach hatte sie nach Hause bis Ostroda fast eine Stunde durch die Nacht zu fahren.

Auf sintflutartig von Wolkenbrüchen überfluteten Straßen.

Das wurden wir aber erst gewahr, als wir spät das Restaurant verließen.

Nach einem Abend herzlicher Gastfreundschaft, der im Gedächtnis bleibt. – –   

    Dichterfreundschaft und Dialog: Kazimierz Brakoniecki , Hans Claßen (rechts). Kopernikushaus der Gesellschaft Deutscher Minderheit in Allenstein/Olsztyn.

                             Im Kopernikushaus der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit: Vorsitzende Krystyna Plocharska (überreicht einem Bildband alter Postkartenansichten der Stadt).

 

Olsztyns Oberbürgermeister Malkowski dokumentierte bei der Begrüßung des Vorsitzenden der Christine-Koch-Gesellschaft die Absicht der Freundschaft durch Literatur. Links im Bild: Autor und polnischer Übersetzer der Begegnungstexte Grzegorz Supady.

 

Dichterin und Schriftsteller: Alicja Bykowska-Salczynska und Herbert Somplatzki.

Im Salon Marion von Dönhoff : Monika Schreckenberg, Hans Claßen und Wlodzimierz Kowalewski.

Joanna Felis war Planerin, Übersetzerin und auch Moderatorin der Begegnung “Poetischer Herbst 2007″.

http://www.weltbild.de/artikel.php?WEA=8002820&artikelnummer=12464575&mode=art&PUBLICAID=c0354fc879e32e640005fbf694a1e401

http://www.ixlibris.de/content/Gedichtbaende/classen_hans__mondlicht.htm

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