Poesie im Herzen Westfalens: 5. Möhnesee-Literaturschiffahrt 2006




Bild oben: Autoren (v. l.) Michael Lamprecht, Eleonore Nickoley, Mathias Knoll, Maria Sperling. Bilder Mitte: Michael Lamprecht, Satiriker von Rang, und: Edelrabe-Preisträger 2005 Mathias Knoll. Unten: Monika Schreckenberg, Eleonore Nickolay.
Fotos: Kristin Buckemüller, Managementassistentin 5. Westfäische Möhnesee-Literaturschiffahrt 2006
Hans Claßen: Dichterlesung “Romantische Grenzüberschreitungen”


Dichterlesung: Hans Claßen im Caspar-David-Friedrich-Geburtshaus, 8. Juli 550jahrfeier Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald: “Durchdrungen von der Sehnsucht, einsame Zwiesprache mit der Natur zu halten, fand Caspar David Friedrich vor allem auf der Insel Rügen - von seiner Geburtsstadt Greifswald nur getrennt durch das Küstengewässer - eine Landschaft vor, mit der das korrespondierte, was der Romantiker in seinem Innern empfand. Wenn vor den Herbststürmen die Wellen an den Klippen brachen oder im Frühjahr das Eis; wenn die Ostsee silberblau in den Sommertag eintauchte, dann zogen die Kreidefelsen auf Rügen Caspar David Friedrich unwiderstehlich an. So entstand das gleichnamige bekannte Gemälde, auf welchem wohl die Hochzeitsreise des Malers abgebildet ist, angeleuchtet aus Atmosphäre und Meer, Klippen und Laubgeäst, als richte die Natur ihre eigene Hochzeitsfeier aus und wehten die beschienenen, mehr gelb-beigen als weißen Felsen wie Schleier um das golddurchtränkte Meeresblau; über allem der Sommertag, der sich glastig hell aufzulösen scheint, wo der Blick des laubbeschatteten Betrachters das Unendliche erreicht…” (Hans Claßen: Caspar David Friedrich käme kaum mehr zum Kreidefelsen, in: “Mondlicht fiel auf Blütenstaub. Romantische Spuren”, Frankfurt am Main 2001)


http://www.ixlibris.de/content/Gedichtbaende/classen_hans__mondlicht.htm
“Exil en Paradies” - Spuren deutscher Exilliteratur in Südfrankreich
Christine-Koch-Gesellschaft-Südfrankreich-Literaturfahrt (Okt. 2006) Auf Spuren deutscher Exilliteratur in Sanàry sur Mer und Nizza, Begegnungen im Bürgermeisteramt Sanàry, in der Villa Rothschild Nizza und im Centre Méditerranéen d’Etudes francaises (Weltjugend-Cocteau-Amphietheater) Cap d’Ail: im Bild v. l. Hans Claßen, Vorsitzender der Christine-Koch-Gesellschaft, Theaterdirektor Gérald Couturier und Hochsauerland-Kreisheimatpfleger Hans-Jürgen Friedrichs.

Hans-Jürgen Friedrichs plante, organisierte und leitete die Begegnung der Christine-Koch-Gesellschaft mit Spuren deutschsprachiger Exilliteratur in Sanàry sur Mer und Nizza sowie mit dem Centre Méditerranéen d’Etudes francaises Cap d’Ail.


Autorenlesung in der Villa Rothschild, Nizza: Herbert Somplatzki (oberes Bild) und Hans Claßen.

Christel Hoberg-Heese rezitierte Rilke im Centre Méditerranéen d’Etudes francaises.
Fotos: Anne Sträter
Anne Sträter
Exil im Paradies: Spurensuche in Südfrankreich
Bericht einer literarischen Begegnungsreise
“Das Land am Mittelmeer besteht aus Licht, eher aus Licht denn aus Farbe!“ stellte
der französische Schriftsteller André Siegfried sachlich fest. Poetischer vielleicht, aber
nicht prägnanter läßt sich die Provence beschreiben. Ein knapp einwöchiger
Aufenthalt einer Reisegruppe der Christine-Koch-Gesellschaft Anfang Oktober
überzeugte die Teilnehmer an jedem Reisetag von einer gleichsam himmlischen
Lichtregie an der französischen Riviera. Diese wurde tatkräftig unterstützt von einer
Sonne, die sommerlich warme Temperaturen bis in den späten Abend schenkte.
Goldene Tage waren also der Literaturfahrt nach Südfrankreich vergönnt. Sie nahmen
dem Motto: „Exil – Auf den Spuren deutscher Literaten in Südfrankreich“, jegliche
Schwere etwaiger Schatten der Vergangenheit. Dazu trugen auch die
deutschsprachigen Reiseführer entscheidend bei. Begeistert bei der Sache und mit
profunden Kenntnissen brachten sie Menschen und Orte nahe, und jeder Abschied fiel
schwer. Früh am Morgen des 30. September begann die Fahrt beschaulich durch
verschlafene Dörfer im Westerwald und in der Eifel. An Luxemburg vorbei und durch
die Vogesen, und ehe man es sich versah, war die Reisegruppe im tiefsten Frankreich
angekommen. Beaune in Burgund gab einen Vorgeschmack: Eindrücke vom
Nachbarland, der Charme einer französischen Stadt, viel Wissenswertes über Land
und Leute und zum Ausklang üppige Kostproben einer berühmten Küche. Tags darauf
ein kurzer Aufenthalt in Avignon, eine imposante Stadt und jeder Pflasterstein
getränkt mit europäischer Geschichte. An das Bedauern, nicht länger verweilen zu
können, sollten wir uns gewöhnen. Schneller als gedacht, lag das Meer uns zu Füßen
in Sanary-sur-Mer, der einstigen Hochburg deutschsprachiger Schriftsteller, die
während des Naziregimes ihre Heimatländer verlassen mußten. Beim Abendessen
unter freiem Himmel mit sanften Wellenbewegungen des Wassers im Hafen schienen
diese Jahre leidvoller Bedrängnis an der Küste Südfrankreichs lange entrückt. Am
nächsten Tag holte uns aber die Vergangenheit ein. Dreisprachig ist das Gedenken an
die Exilschriftsteller in einer Broschüre aufgearbeitet, die Sanarys Bürgermeister
Bernhard jedem Reiseteilnehmer an die Hand gab. So stand man denn vor den
Häusern der Exilanten, zu denen an prominenter Stelle Thomas Mann, Lion
Feuchtwanger und Franz Werfel gehörten. Manfred Raffenberg las quasi an Ort und
Stelle Prosa des berühmtesten Exilanten Thomas Mann. Auch Ludwig Marcuse und
René Schickele wurden in Kurzreferaten der Vergessenheit entrissen. Ersterer sprach
von Sanary-sur-Mer als der Hauptstadt der deutschen Literatur, was mancher
Flüchtling, z.B. Bert Brecht oder Walter Benjamin, als blanken Hohn empfunden
haben dürfte. Letzterer, ein Franzose aus dem Elsaß und deutschsprachiger
Schriftsteller, bemühte sich jahrelang um eine friedliche Koexistenz der
temperamentvollen Akteure und ihrer Frauen. Tags darauf in Nizza gesellte sich zum
reinen Licht über der Landschaft dann die Farbe des Meeres. Es ist von einem
unvergleichlichen Blau, als ob es dem Himmel seine Farbe liehe, nicht etwa
umgekehrt. Hatte Cannes bereits den Hauch von Luxus und Müßiggang in unseren
Reisebus wehen lassen, die Nachbarstadt Nizza, an der blauen Küste mit einem
infernalischen Verkehrsaufkommen gesegnet, ließ uns auch willig das Umland
erkunden. Nur spät abends entfaltete Nizza seinen Glanz in einer glitzernden
Lichterkette hinter friedlichen Strandgängern, die sich kurz vor Mitternacht in die
tiefblauen Fluten stürzten. Die Augen noch gefüllt von der Pracht der russischen
Kirche, stand man wenig später staunend in Vence, wo man in den engen Gassen
steingewordenes Mittelalter mit den Händen greifen kann. Eine fröhliche Stadtführerin
entriß uns kurzweilig der Gegenwart, bis der umsichtige Busfahrer wieder den Motor
anließ und Saint-Jean Cap Ferrat ansteuerte. Von der Villa Ephrussi de Rothschild aus
hat man über harmonische Wasserspiele hinweg den vielleicht schönsten Blick auf die
Cote d’Azur. Wer wollte, konnte sich in sorgsam angelegten Gärten aus aller Herren
Länder ergehen und mit Blick auf das prächtige Haus einer exzentrischen Millionärin
ein Gespür für eine luxuriöse Lebensweise bekommen. Herbert Somplatzki und Hans
Claßen hatten hier einen hoch dekorativen Rahmen für eine Lesung.
Eine kultivierte Villa als Ausdruck purer Verschwendung und zuvor ein verwunschener
Ort mit steingewordenem Geist: Ein kontrastreiches, spartanisch in die Natur
eingebettetes Freilichttheater, entworfen von Jean Cocteau für Cap d`Ail. In den
Sechziger Jahren ließ er dort das antike Amphitheater auferstehen und widmete es
Orpheus, dem Sänger. Aufgerufen war damals die Jugend der Welt, dort zu üben, zu
proben, zu spielen und gemeinsame Gastspiele zu geben. Glaubt man dem
sympathischen Direktor, trägt die Idee immer noch. Unvergesslich der Moment, als
Christel Hoberg-Heese und Hans-Jürgen Friedrichs französische und deutsche Verse
von Paul Valéry vortrugen, übertragen von Rainer Maria Rilke. Noch einem
prominenten Exilanten galt es, die Aufwartung zu machen: dem russischen Maler
Marc Chagall. Er hinterließ Nizza ein künstlerisches Vermächtnis, für das auch eine
adäquate wunderbare Architektur geschaffen wurde.
Auf der Rückfahrt wieder in Beaune, beschwerte sich das Gepäck mit manch edlem
Tropfen. Eine Weinprobe in Mersault hinterließ nicht nur bei Weinkennern einen
bleibenden Eindruck. Noch einmal eine üppig gedeckte Tafel mit einem liebevoll
zelebrierten Abendessen, die letzte Nacht unter einem französischen Dach im Burgund.
Einen Tag später endete die Frankreichfahrt am frühen Abend im sonnigen Sauerland.
Reiseleiter Hans-Jürgen Friedrichs konnte zweisprachig aufatmen. Seine profunde
Liebe zum Nachbarland teilt jetzt die Reisegruppe mit Begeisterung. Die
Frankreichfahrer werden es wehmütig im Ohr behalten, das berühmte Lied auf das
Meer von Charles Trenet. Wenn man einmal an der Cote d`Azur war, ist das so: „La
mer bergère d`azur – Infinie.“


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