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Johanna Mett (*1993); Caspar David Friedrich (1774 - 1840): Mann und Frau, den Mond betrachtend                  

                                                                                                           

Johanna Mett                        

                                                                                                                                                              

Spiegel der weltlichen Magie                        

                                                                                                                                                               

Mit dieser Geschichte möchte ich dazu einladen, mich einen Augenblick zu begleiten. Ich möchte meine Welt den Erstarrten nahe bringen, die in der Zeit aus Hektik und Alltagsgrau vergessen, daß man nicht oberflächlich betrachten darf, um die Schönheit dieser Erde und des Lebens zu erkennen, welche durch den Sumpf von Neid, Haß und Egoismus nur schwer zu erreichen ist und von den Abgasen der industrialisiertenGesellschaft verhüllt wird. Es ist Zeit, die Augen zu schließen, in die Seele zu schauen und sie für die Freiheit zu öffnen, die in der Fantasie verborgen liegt. Ich öffne meine Augen und sehe die Morgensonne, die durch die Spalten der tiefroten Fensterläden Licht und Wärme in das Zimmer bringt. Ihre Strahlen lassen die winzigen Staubflocken in der Luft für mich sichtbar werden. Sie schweben tanzend umher, schließen sich keinerlei Ordnung an. Umschwirren einander, wie winzigkleine Feen, die sich am neugeborenen Tag erfreuen. Verschlafen blinzelnd, lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, der auf der alten Uhr an der in einem hellen Pfirsichton gestrichenen Wand hängen bleibt. Ihre verschlungenen Zeiger weisen mich stumm darauf hin, daß es noch viel zu früh sei, um aufzustehen, jedenfalls zu früh für einen Menschen, der sich an keine Pflichten binden läßt. Ich schlage die blütenweiße Bettdecke zurück, die an den vom Sonnenlicht berührten Stellen zu leuchten beginnt, so daß ich kurz blinzeln muß. Die Staubflocken wirbeln umher. Ich stehe auf und spüre, wie meine nackten Füße den alten Holzboden berühren, der mir knirschend einen Bonjour wünscht.

Bedacht langsam tapse ich weiter, um nicht zu laut zu sein und andere Gäste in ihrem Schlaf zu stören. Ich schleiche hinüber zu der alten Kommode, die den gleichen satten Braunton besitzt, wie der Fußboden und sich zweifellos im gleichen Alterszustand befinden muß. Sie war mir sofort aufgefallen, als ich das Zimmer bezogen hatte. Sie ist in der Tat ein Kunstwerk unter all den Gegenständen, wie den Porzellanvasen von Hand bemalt oder den vielen Bildern, die in kunstvoll gearbeiteten Rahmen ländliche Szenen der Provence zeigen, die mein Zimmer mit Leben füllen. Sie ist sehr groß mit zahlreichen Schubladen, in deren hölzerne Handgriffe feine Blumenranken eingeschnitzt sind. Die Füße, auf denen sie steht, sind ineinander verschlungen, als wären sie wie Wurzelwerk mit dem Boden verwachsen. Ich beuge mich vor, streiche mit der Hand über die etwas staubige Oberfläche und atme ihren Duft. Da ist der Geruch von Blumen, Lavendel. Vor drei Tagen hatte ich mir ein kleines Sträußchen aus einem der riesigen Felder gepflückt. Das Holz hatte ihren Duft genauso eingesogen, wie ich es getan hatte. Ich streiche erneut über die unebene Fläche, sie ist nicht lackiert, ungewöhnlich, naturbelassen. Ich hole noch einmal einen tiefen Atemzug und sauge den schweren Geruch der Vergangenheit in mich auf, der diesen Schatz umgibt wie ein Schleier. Diesen Geruch einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Wer bereits vor ihr gestanden hatte und sein Gesicht in dem großen in das alte Holz eingesetzten Spiegel betrachtet hatte, kann ich nur ahnen. Ich blicke auf und sehe mir selbst in die Augen, spüre, daß die Luft zu knistern beginnt. Ich bin gefangen in meiner Fantasie und lebe den Moment, den Atemzug der vergangenen Zeit, der mich noch nicht frei gibt und dem ich mich nicht entziehen will. Eine kleine Ewigkeit vergeht, in der ich mich im Spiegel betrachte, bis ich mich schüttele und mich in das Hier und Jetzt zurückblinzle. Ich weiß, daß Zeit zum Aufbruch gekommen ist. Die Stille wird gebrochen und ich höre vergnügtes Pfeifenvon Draußen. Ich gehe quer durch den Raum, um das Fenster zu öffnen. Der Boden knarrt, als ich durch den Raum schreite und die schmalen Lichtstrahlen, die durch die Schlitze derFensterläden dringen, fließen über meinen Körper. Das Pfeifen ist nun zweifellos vor dem„Château“ angelangt. Ich beginne mitzusummen, denn ich kenne das Lied- schon seit meiner Kindheit. In den vergangenen Wochen habe ich es ihn jeden Tag pfeifen gehört. Ich stoße das Fenster auf und lasse die Sonne mein Zimmer mit Licht überfluten. Die Kirschbäume vor dem Haus verströmen einen angenehmen Duft, der mir in die Nase steigt. „Meister Jakob, Meister Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch?“, singe ich in die noch frische, zarte Morgenluft hinein. Dann blicke ich hinunter zur Eingangstür. „Bonjour, lieber Jacques!“ rufe ich, und vor Freude, den alten wohlgenährten Mann mit den vielen Lachfalten, dem schütteren Haar und der dunkelgrünen Baskenmütze zu sehen, überschlägt sich meine Stimme fast. „Bonjour, ma Petite“, grüßt mich der gute Jacques, der vermutlich schon seit eh und je die Weinberge hinter dem Château bestellt. „Du bist bereits wach!“ stellt er mit scherzhafter Ungläubigkeit fest. Er lacht herzlich und zeigt mir seine Grübchen, die das Alter seiner Seele widerspiegeln. Wenn er lacht, sieht sein Gesicht aus, wie das eines kleinen Jungen, der nichts im Kopf hat außer Unfug und anderen Dummheiten, bei denen man sich mit Engelsgesicht und großen Kulleraugen der Strafe entzieht. „Ich habe dir dieses Mal zwei Baguettes mitgebracht…“, er schluckte „damit du… damit du auf der Fahrt zum Flughafen nicht verhungerst“. Seine Stimme wankt bei den letzten Worten. Ich lächle ihn aufmunternd an: „Geh doch schon mal vor, ich ziehe mich schnell um, dann komme ich zu den Weinbergen.“ Er nickt, grinst mich schelmisch an, dann geht er, die Brötchentüten schwenkend, Richtung Weinberge. Seit meiner Ankunft hier in der Provence und hier im Château, einem alten französischen Schloß auf dem Lande, welches in der Nachkriegszeit zu einem Hotel umgestaltet wurde, habe ich nur ein einziges Mal in dem großen, prachtvollen Frühstückssaal gegessen. Jacques und ich verstanden uns sofort, als ich ihm bei der Arbeit zuschaute und später auch helfen durfte und nach den Trauben sah, um ihren Reifegrad zu schätzen. Wir haben seither jeden Morgen, wie auch an diesem, unser kleines Frühstück zwischen den Reben verzehrt und dabei zugesehen, wie sich das Licht der Morgensonne behutsam über die Lavendelfelder, die in der Ferne violett zu leuchten beginnen und sich langsam vom Dunkel der Nacht befreien, und von den vereinzelten Bäumen, deren Blätter wie grüne Farbtupfer auf dem Meer aus Lila im Wind hin und her wiegen, bis hin zu uns auf die Weinberge ausbreitet und die taufeuchten Trauben wie Perlen einer Muschel zum Schimmern bringt. Ich setze mich zu Jaques ins weiche Gras und lausche dem Wind, der durch die jungen Pfirsichbäume streichelt, die der alte Mann vor seinem kleinen Haus auf dem Gipfel des Weinberges angepflanzt hatte. Meinen Blick auf ihre Schatten gewandt, beobachte ich eineWeile das Lichtspiel, welches durch die schwingenden Blätter und das durch sie hindurchdringende Sonnenlicht verursacht wird. Ich seufze. „Was ist?“, fragt Jacques kauend, an seinem Kinn hängt ein Klecks dunkelroter, selbstgemachter Kirschmarmelade. „Ich träume“, gebe ich mit abwesendem Blick zurück. „Sieh doch nur, wie schön es ist, wenn der Wind durch die sonnendurchfluteten Kronen der Bäume streift. Es ist zauberhaft… Vielleicht klingt das närrisch, aber dieses Bild vermag es, mein Herz aufzuhellen und meine Seele zu erfüllen.“ „Es ist Magie“, flüstert er mir sanft zu, so daß ich seinen Atem in meinem Gesicht spüre. Plötzlich beginnt er zu schluchzen und seine nußbraunen Augen füllen sich mit Tränen. Der Abschied läßt sich nicht länger verdrängen. Ich lege mein Marmeladenbaguette beiseite und ergreife seine geschundenen Hände, von der Sonne gebräunt. „Ich weiß, es ist Zeit. Wir werden uns wiedersehen. Das verspreche ich, denn ich kann es jetzt schon fühlen.“ Jacques nickt verständnisvoll: „Leb wohl ma Petite. Ich hoffe, du vergißt dein Versprechen nicht. Ich bin immer hier, bleibe bei meinen Weinbergen und werde jeden Morgen die Sonne über denFeldern in der Ferne aufgehen sehen, denn hier in diesem kleinen Dorf ist das Leben schon vor Jahren stehen geblieben. Der Frieden und die Freundlichkeit der Leute hier werden dich immer willkommen heißen. Und jetzt geh und entdecke die Welt, damit du mir irgendwann berichten kannst. Paß auf dich auf.“ 

                                                                                                                                                                                                        Der Flug dauert eine kleine Ewigkeit, in der ich mich in Gedanken hülle wie ein Kind, das sich zum Träumen tief unter die Bettdecke kuschelt. Gedämpft nehme ich das Schnarchen meines vollbärtigen Nachbarn mit Hornbrille und wulstigen Augenbrauen wahr. Ich starre ausdem Fenster der Maschine mit dem Entschluß, besser nicht jeden Menschen genauer betrachten und ergründen zu wollen und lasse meinen Blick über die gewaltige Landschaft aus Wolkengletschern und Ebenen gleiten, die einer Schneelandschaft gleichen. Das gleißende Sonnenlicht läßt diese Himmelswelt in majestätischem Glanz erstrahlen, so daß meine Augen sich nicht abwenden wollen, bis daß das helle Licht sie zum Brennen bringt. Sofort beginnt ein Hauch von Tränenflüssigkeit den Schmerz zu lindern. Hinter mir wird die Zeitung umgeblättert. Ich schlafe ein. Mit ein wenig Trauer über den Abschied von Jacques und den sonnig-warmen Stunden auf den Weinbergen, die sich als tröstende Erinnerung ein Plätzchen in meinem Herzen suchten, um es mit ihrer Schönheit zu füllen, steige ich schließlich aus dem Flugzeug. Rauher Wind entreißt mir mit aller Kraft die letzten Gedanken an den angenehmen Spätsommer Südfrankreichs. Gänsehaut breitet sich trotz dicker Wolljacke und Mantel auf meinen Armen aus. Das digitale Thermometer am Flughafen definiert die Kälte mit 12°C. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich noch am Flughafen war, bis ich endlich mein Gepäck gefunden hatte, denn von Zeit halte ich nicht sehr viel. Auch, daß ich anfangs an der falschen Gepäckausgabe stand, kümmert mich nicht. Dadurch war mir das elendige Gedrängel am Fließband erspart geblieben. Elektrische Anzeigetafeln flimmern und blinken, und Lautsprecherdurchsagen dröhnen, und rastlos Hastende hetzen in Ziellosigkeit, während mich meine Beine zu meinem Auto tragen. Meine Gedanken sind verstrickt wie Geäst und lassen die Umwelt wie Schwerthiebe an einem Schild abprallen. Ich fahre eine Landstraße entlang, meine Hände klammern sich so fest um das Lenkrad, daß meine Fingerknöchel weiß werden. Links von mir beginnt die Sonne über den Spitzen der Bäume hinter den Horizont zu sinken. Ich fahre weiter, immer weiter in die werdende Dämmerung hinein und lasse meinen Blick durch die an mir vorbeiziehende Umgebung schweifen, während mein Körper entspannt, je größer der Abstand zwischen der Stadt und mir wird. Große buntblättrige Ahornbäume leuchten auf und rufen mir ein verschwommenes Bild des goldenen Sonnenaufgangs über den Weinbergen ins Gedächtnis. Doch dieses Licht ist träge und schwer. Der späte Abend kehrt ein, als ich das Auto abstelle und meinen Weg in den Wald einschlage. Kälte liebkost meine Haut und erfrischt meine Wangen. Innere Ruhe durchströmt meine Adern, wenngleich die Schläfrigkeit verfliegt. Die Schönheit der im feuerfarbenen Licht des Sonnenuntergangs glühenden Natur läßt meinen Atem stocken. Die Bäume beginnen mit dem Wind zu flüstern, der den Anbruch der Nacht mit einem sanften Hauch begleitet. Eine Magie beginnt mit ihren Wurzeln meine Beine zu umschlingen und rankt langsam an meinem bewegten Körper empor, ohne ihn zu behindern. Im Gegenteil. Ich fühle mich frei, als höben mich die Äste in die Höhe, so daß ich das ganze Land in seiner rauhen Pracht bewundern könnte. Das fahle Licht taucht diese Unberührtheit in beruhigendes Tiefblau, schmiegt sich an die Welt. Mein Atem wird sichtbar in der Luft, dreht und wendet sich im Spiel des Windes aus Nord-Ost. Greifvögel ziehen ihre letzten Kreise, bevor ihre Silhouetten am Nachthimmel verschwinden. Ich verspüre keine Angst, nur eine innere Harmonie, während mich die nicht zu bändigende, stolze Mutternatur in ihren Bann zieht. Ich wehre mich nicht, beginne zu verstehen und als ich an einen kleinen See gelange, der im Mondlicht in einen Traum versunken scheint, werden meine Gedanken klar wie der Sternenhimmel. Wasser spiegelt die Oberfläche wider, die vor ihm liegt und nur, wer in die Stille eintaucht und hinter die Fassade blickt, wird die wahre Tiefe erkennen und Erfüllung als ein Teil im Ganzen dieses Spiegels finden. Denn dieser Spiegel schützt die Welt vor dem, was die Menschen mit seelenlosem Blick in ihm wahrnehmen: sich selbst.

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