Johanna Mett (*1993), Angela Buhl (*1989),  Theresa Schnettler (*1990)

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Kerstin Mertenskötter (*1986), Katharina Laukemper (*1994), Leina Wald (*1981) 

 

Gedicht des Monats (August 2010):    

        

Kerstin Mertenskötter; Caspar David Friedrich, Schwäne im Schilf 

               

Kerstin Mertenskötter (*1986) 

 

Libellenflügelschlag

 

Libellenflügelschlag

in der Luft am See

bei dir im Ufergrün.

Himmel oben, Himmel unten.

 

Flügelschlag Libellen

in der Luft am See

neben dir im Ufergrün.

Himmel oben, Erde unten.

 

Schlag Libellenflügel

in der Luft am See

neben dir im Ufergrün.

Himmel oben, Hölle unten.

   

Theresa Schnettler (*1990)    

                                                                                                                                                             

Sei doch mal locker!  

 

Die Musik dröhnt laut. Zwingt mitzutanzen. Spaß zu haben. Sich einfach mal locker gehen zu lassen. Ohne mich! –  

„Oh, Mann …!“ Dave, mein bester Kumpel, stöhnt, das halbvolle Bierglas in der Hand, mit der anderen eine Zigarette umklammernd. „Ey, ich will ja nicht persönlich werden, Alter … aber…“ Der Rest des Satzes geht im lautstarken Rülpsen unter. Vielleicht auch besser so. Er ist schon recht betrunken. Ich trinke nicht.“ Also …, wenn wir mal ganz ehrlich zueinander sind …“ Ich warte ab. Solche Sätze hasse ich. Etwas in mir verkrampft sich. Eine Vorahnung. „Du bist so uncool“. Ich blicke ihn völlig überrumpelt an.  „Wie?“ - „Oh, Mann …, bleib ruhig, du bist jetzt schon fast achtzehn …“Ich blicke zu Boden. Schlucke. Wuschele mir verlegen durch die Haare. Ich ahne schon, was gleich kommt. Plötzlich beginne ich zu schwitzen. „Was ist los mir dir? Du trinkst nicht …, du rauchst nicht …, du gehst kaum auf Partys …, hast du überhaupt mal Spaß?“ Ich bekomme Angst. Aber das zeige ich nicht. Wie immer. Es geht wieder los. Dafür lehne ich mich zurück, lache: „Hör mal …, das Mörderzeugs, das du nimmst … , das zieh ich mir nicht rein…“ Aber heute hört Dave nicht auf. 

Nimmt noch einen kräftigen Zug. „Und du hattest noch nie ‘ne Freundin. Ich glaub’, du bist nicht ganz normal …“ Ich schweige, weiche einen Schritt zurück. Er haut mir wie freundschaftlich, aber skeptisch blickend auf die Schulter. „Weißt du, es geht mich ja eigentlich nichts an, aber…“ - „Dann hör’ doch einfach auf!“ sage ich schärfer als gewollt. Jetzt habe ich mich verraten. Wie immer. Dave verdreht die Augen. „Ach, komm, das bleibt doch unter uns …, bleib mal locker …, für dich finde ich schon eine …, hier, nimm erst mal ’nen Schluck!” Er hält mir die Flasche unter die Nase. „Nein, danke!“ Abweisend verschränke ich die Arme. Die Musik wird noch lauter. Immer lauter. Immer drängender. Zwei andere kommen. Ich kenne sie nur vom Sehen. Sie rauchen.„Hi, auch hier? Willste mal?“ - Ich schüttele den Kopf. Sie zucken verächtlich mit den Schultern, wenden sich von mir ab. „Spaßverderber“, sagt einer. Dave tritt mich. „Mach doch mal …, los!“ Seine Worte schallen in meinem Kopf dumpf wider. „Mach doch mal …, los!“ Nein. Das will ich nicht. Das mache ich nicht. „Los …, trink.“ Er hält mir die Flasche noch einmal unter die Nase. „Nein, verdammt. Ich will nicht.“ Ich schlage ihm die Flasche fast aus der Hand. „Bleib locker …“, er verzieht das Gesicht zu einer häßlichen Grimasse. Ich fühle mich immer mehr unter Druck. Was soll ich denn machen? Mir wird schlecht. Ich hole tief Luft. Die Lautstärke erreicht ihren Höhepunkt, mit ein paar wahnsinnig verzerrten Gitarrenakkorden und einem Schlagzeuger, der vor Trommeln kaum noch atmen kann. Auch der Sänger sieht aus, als falle er gleich von der Bühne. Der reine Wahnsinn. Ich kneife die Augen zu. Zitternd. Dave gibt mir einen letzten Schubs. „Die dahinten. Die schnappst du dir jetzt!“ Und schon stehe ich einem richtig betrunkenen und total überschminkten Mädchen gegenüber, das sofort beginnt, mir mit ihren viel zu langen Fingernägeln in den Haaren herumzuwuscheln. Ich will hier weg. Ich stoße sie von mir. „Laß das! Laß mich in Ruhe!“, schreie ich sie durch den Lärm an. Beleidigt zieht sie ab, schnappt sich den nächsten. „Sag mal!“, Dave baut sich vor mir auf, schlägt mir mit der Hand ins Gesicht. „Hast du ‘ne Macke? Bist du jetzt vollständig übergeschnappt? Das war die heißeste Braut der ganzen Party. Was soll das?“ Er geht weg. Läßt mich allein stehen. Ganz allein. Ich bin völlig durcheinander. Noch nie war ich so allein. So verzweifelt. Normalerweise habe ich auf jede Bemerkung eine passende Antwort. Jetzt bin ich sprachlos. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich will das alles nicht. Nur noch hier weg. Ich will nicht mehr. Wenig später kommt Dave mit drei anderen zu mir herüber. Weiß’te was? Entweder du benimmst dich mal normal, oder du kannst abhauen. So einen wie dich wollen wir hier nicht haben. Verschwinde!“ Dann taucht er im Getümmel unter.     Allein. Verletzt. Langsam gehe ich. Einer der drei Begleiter droht mir mit der Faust. Eine Träne im Augenwinkel. Ich will das alles nicht. Da sehe ich eine Wodkaflasche. Halbleer. Oder doch halbvoll. Nein, sie ist halbleer. „Sei mal normal …, mach doch mal!“ Die Worte schwirren in meinem Kopf. Ja, ich will doch auch dabei sein. Ich will normal sein. Ich will Freunde haben. Normal sein. Ich setze die Flasche an meine Lippen. Der Alkohol brennt widerlich. Aber als die Flasche leer ist, geht es mir besser. Alles verschwimmt leicht vor meinen Augen. Ich fühle mich gut. Richtig gut. So cool. Ich könnte es mit jedem aufnehmen. „He, Dave…, komm her, wenn du Prügel willst!” brülle ich durch die gesamte Halle. Dann spüre ich eine vage Übelkeit. Alles dreht sich. Die Musik ist verstummt. Ich stürze zu Boden. Ich sehe nichts mehr. Ich kann mich nicht wehren. Bodenlos die Schwärze… 

  

Katharina Laukemper (*1994)    

Manchmal muß man rückwärts gehen, um vorwärts zu kommen 

Wieder einmal saß ich auf meinem Bett und starrte die Decke an. Es ist fast jeden Tag so. Ich komme aus der Schule, mache meine Hausgaben, lege mich ins Bett und wünsche mir, daß ich tot wäre. Das würde eh’ keinen stören. In der Schule habe ich keine Freunde, die um mich trauern könnten, mein Vater würd’ es gar nicht bemerken, wenn ich weg wäre, weil er den ganzen Tag arbeitet und meine Mutter… Tja, meine Mutter starb, als ich dreizehn war. Sie hatte einen schweren Autounfall und kam dabei ums Leben. Vorher, also vor Mamas Tod, lebten wir noch in einem kleinen Dorf in Bayern. Dort hatte ich auch viele Freunde und jede Menge Spaß. Doch nach dem Tod hielten wir es zu Hause nicht mehr aus. Dort waren zu viele Erinnerungen an die Vergangenheit.  Also sind wir nach Berlin gezogen, wo mein Vater sofort eine neue Stelle gefunden hat. Doch hier in Berlin habe ich den Anschluß verpaßt. Alles ist anders als zu Hause. Außerdem habe ich eine große Schwäche, auf Leute zuzugehen und sie anzusprechen. Ich trau’ mich das einfach nicht, und mich hat auch niemand angesprochen. Also bleibe ich alleine, ohne Freunde.   Heute haben wir dann noch die Englischarbeit wiederbekommen: Fünf! Durch unsere Umzugsaktion bin ich in der Schule total abgesunken. Wenn ich nicht langsam bessere Noten schreibe, bleibe ich auch noch sitzen. Und dann hat heute noch meine Englischlehrerin Streß gemacht: „Attention, please! Leonie, don’t dream!” Sie kann mich nicht leiden und ich sie auch nicht. „Tja, Leonie, ich würde mal sagen, daß das schon wieder ein Strich war.“ Oh nein, nicht schon wieder!   Estelle, die Zicke meiner Klasse, versucht mich ständig runter zu machen. Ich weiß nicht warum, vielleicht nur, weil ich mit meinen blonden Haaren und schlankem Körper hübscher bin als sie! Nur ein Junge aus der Zwölf, Timo heißt er, der ist total nett zu mir und lächelt mir immer zu, wenn ich an ihm vorbei gehe. Das Problem ist nur, er ist Drogendealer, und mit Drogen will ich nichts am Hut haben. Eigentlich… Aber an Tagen wie heute möchte ich einfach nur weg sein. Morgen gibt es Zeugnisse. Auf meinem wird stehen, daß ich nicht versetzt werde, da unsere Englischlehrerin mir doch tatsächlich eine Fünf gegeben hat; und in Mathe bin ich sowieso grottenschlecht. Außerdem ist heute der Todestag meiner Mutter. Papa hat deswegen versprochen, eher Feierabend zu machen. An diesem Tag kommen alle traurigen Erinnerungen wieder hoch und reißen einen völlig runter. Du hast ständig das Gefühl, daß jemand kleine Schnitte in dein Herz schneidet. Trotzdem oder gerade deshalb faßte ich mir ein Herz und ging in der Pause zu Timo. Ich wollte ihn einfach mal näher kennen lernen. Vielleicht war er ja nicht so schlimm wie die anderen Drogendealer in dieser Stadt. Als ich zu ihm hinkam, lächelte er mich wieder an und sagte mit seiner samtweichen Stimme:“ Hi, wie geht’s? Ich antwortete ihm, daß es mir nicht so gut geht, da heute der Todestag meiner Mum wäre, und ich erzählte ihm die ganze Geschichte, wie es dazu kam, daß mein Vater nie Zeit für mich hat und ich keine Freunde habe. Endlich jemand der mir zuhörte, der für mich da war. – Plötzlich nahm er meine  Hand und drückte mir eine kleine grüne Pille hinein. Erst dachte ich, ich sehe nicht richtig, da wollte mir ein Typ, den ich kaum kenne, einfach Drogen andrehen? Ich wollte die Pille schon wegwerfen und mich umdrehen und abhauen, doch irgend etwas hielt mich davon ab. Drogen könnten der Schlüssel für meine Probleme sein; würden mir helfen, nicht immer an meine Mutter zu denken und den ganzen Streß der Schule zu vergessen, und sie würden mir Spaß bereiten, den ich schon so lange vermisse, ich könnte dann bestimmt wieder lachen. Ich bedankte  mich bei Timo und ging wieder ins Gebäude, weil es geschellt hatte. Die Tablette gut verpackt in meiner Hosentasche, wollte ich sie direkt heute Nachmittag zu Hause ausprobieren.   Nach Schulschluß raste ich nach Hause und schloß mich im Badezimmer ein. Ich betrachtete die Tablette noch einmal genau, dann steckte ich sie mir in den Mund. Weg war sie! Erst passierte gar nichts, doch nach einer Weile wurde mir auf einmal schummerig, und in unserem Badezimmer waren überall rosa Elefanten zu sehen. Ich taumelte durch den Raum, fiel um und schlug mir den Kopf am Klo auf. Kurze Zeit später, für mich waren es mindestens fünf Stunden, hörte ich jemanden wie durch Nebel meinen Namen rufen. Jemand klopfte an die Badezimmertür, und ich erkannte aus der Ferne die Stimme meines Vaters. Er wollte ja früher nach Hause kommen. Doch ich war zu schwach, um ihm zu antworten zu können. Er drückte die Türklinke herunter und versuchte herein zu kommen, doch die Tür war ja abgeschlossen. Er klopfte und klopfte, doch ich konnte nichts machen.Mittlerweile blutete ich heftig am Kopf, mir wurde immer schwärzer vor Augen, ich wurde immer schwächer. Da plötzlich wurde die Tür mit einem Krawumm aufgebrochen, denn mein Vater hatte sich mit seiner Schulter gegen die Tür gestemmt. Als er mich bewußtlos sah, rief er sofort einen Krankenwagen, der mich kurze Zeit später zur Berliner Charité brachte. Mein „toller Pilleneinwurf“ hatte mir eine Gehirnerschütterung und ein fette Platzwunde eingebracht. Die Platzwunde mußte genäht werden, was nicht gerade sehr angenehm war. Leider Gottes stellten die Ärzte natürlich auch noch fest, daß ich Drogen genommen hatte, und so mußte ich, als ich wieder gesund war, einiges der Polizei erzählen.   Ich erklärte, wie es zu meinem Fehltritt kam, erwähnte aber nicht den Namen von Timo, ich bin ja keine Petze. Nach längerem hin und her wurde ich schließlich zu zwanzig Stunden Sozialarbeit verdonnert. Das war mir echt eine Lehre: nie wieder Drogen! Mein Zeugnis bekam ich natürlich auch, und wie ich es vorhergesehen hatte, blieb ich sitzen. Doch manchmal ist es ja besser, man geht einen Schritt rückwärts, um vorwärts zu kommen; so auch bei mir. Ich bin der Englischlehrerin sehr dankbar, denn in der neuen Klasse ist ein total nettes Mädchen, das auch noch keinen richtigen Anschluß gefunden hat. Sie heißt Marie und ist neulich erst hergezogen.   Mittlerweile sind wir zwei gute Freundinnen und haben viel Spaß zusammen. Und ich kann endlich wieder lachen. Nur eines stört mich: Timo guckt mich immer so komisch an, wenn ich an ihm vorbeigehe, und deutet mit seinem Finger auf mich, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist. Was will der von mir?

  

  Angela Buhl (*1989)

Erwachsen werden / sein

 
„Es ist erstaunlich, wie schnell man sich entwickelt.
Ein Jahr älter, eine Klasse weiter, der Freundeskreis wechselt, Beziehungen gehen in die Brüche und entstehen neu. Nichts steht still, und das ist ja eigentlich auch gut so. Aber wieso um alles in der Welt muß es so schnell gehen? Und vor allem, so schnell, wenn man doch gerade erst beginnt, erwachsen zu werden? Kaum der Pubertät mit allen Zickenanfällen, Hormonstörungen und dem ersten sich selbst Finden entflohen, schwups, ist man volljährig, und plötzlich sagt einem jeder, wie egoistisch oder wie selbstsüchtig man sich benimmt. Es wird von einem verlangt, daß man den Führerschein macht, weil es ja auch Zehntausende vor einem geschafft haben, daß man in der Schule gute Noten bekommt, obwohl der Stoff immer schwieriger wird, daß man schlichtweg auf eigenen Beinen steht. Man wird sprichwörtlich ins kalte Wasser geschmissen, in der Erwartung, daß man schwimmt wie ein junger Gott.

  Jetzt könnte wer behaupten, man hätte schließlich lange genug Zeit gehabt, sich vorzubereiten.

Und ich muß zugeben, während andere brav ihre Schwimmübungen machten und das Wasser erprobten, blieb ich lieber im schönen warmen Bett liegen, ließ mir von meiner Mutter den Kakao bringen und mich verhätscheln. Vielleicht mag es daran liegen, daß ich ein Einzelkind bin, wenn ich überlege, wie alles noch aufgeholt werden kann. Aber andere schaffen es ja auch irgendwie…

 

Auf was ich hinaus will? Nun, das ist schwer zu sagen. Vielleicht möchte ich mir einfach etwas von der Seele schreiben, meine Gedanken ordnen und überlegen, wie ich mein weiteres Leben angehe. Vielleicht ist es auch ein Hilferuf, nach einem Rettungsring oder einem Schwimmlehrer, der mir zeigt, wie man in dieser rauhen See von Gesellschaft nicht untergeht. Obwohl es so etwas vermutlich nicht gibt: ein Patentrezept fürs Leben. Wer hätte sich das nicht schon gewünscht, ein Blatt, auf dem alles verzeichnet ist. Wie man sich in einer bestimmten Situation zu verhalten hat, wie man mit dem Taschengeld bis zum Monatsende hinreicht oder wie man seine Liebesgefühle in den Griff bekommt? 

   
Aber zurück zu meinen Schwimmversuchen.
Die mich irgendwie daran hindern sollen, im Wellenschlag unterzugehen. Natürlich gibt es die Eltern und Freunde. Sie rufen ihre Ratschläge von weit entfernt zu, schwimmen weiter draußen sozusagen, da sie entweder ihre Schwimmübungen gemacht haben oder ihnen bereits Schwimmflossen und Schwimmhäute zwischen den Finger gewachsen sind. Also, was tut der schlaue Überlebenskünstler in solchen Fällen? Entweder hängt er sich an ein Boot und läßt sich mitziehen, oder er sucht nach anderen, die dasselbe Problem haben, damit man sich gemeinsam beim schwimmen Lernen helfen kann.

Letztere Lösung kann aber zu einem neuen Problem werden. Wenn man etwas selber kaum kann, wie soll man es dann jemand anderem beibringen? Und erstere Lösung wäre auch nicht mein Ding. Was tun, also? Vor dieser Frage stehe ich momentan und stecke noch in der Phase, in der ich versuche, die Ratschläge meiner Freunde zu befolgen und auf sie zuzuschwimmen, während sie sich immer weiter von mir entfernen.

 

Doch dann sind da meine Eltern, sie schwimmen plötzlich wieder rechts und links neben mir, passen auf, daß ich nicht versinke, und so wirklich lassen sie mich nicht, wie ich will. Heb den Arm höher! Streng dich mehr an! Beinschlag! Sie kritisieren mich am laufenden Band, langsam ermüdet mich das ganze. Aber man darf nicht aufhören, ansonsten geht man unter.

 

– „Marie!“ –

 

Die Gerufene seufzte, blickte von der PC-Tastatur auf und nahm die MP-3-Player-Kopfhörer ab, da ihre Mutter vor ihr stand und wie ein Fisch aussah, der wütend nach Luft schnappte. Besser hätte Marie die Kopfhörer aufbehalten. Denn das Gekreische ihrer Mutter bohrte sich schmerzhaft in ihre Ohren.

 

„Wieso ist die Wäsche noch nicht gemacht? Warum hast du das Essen noch nicht gekocht? Warum ist die Wäsche noch nicht im Trockner?“ brüllte sie das Mädchen an, das in ihrem viel zu kleinen Zimmer mal wieder „vor der Kiste hing“, wie die Mutter so schön betonte. „Schrei nicht so, ich habe sehr gute Ohren“, erwiderte Marie. „Wieso hast du die Aufgaben nicht erledigt, die ich dir aufgetragen hatte?“ - „Hab’ sie vergessen!“ Das war noch nicht einmal gelogen, es stimmte. Wenn Marie spät am Nachmittag  von der Schule nach Hause kam, wollte sie erstmal mit „normalen“ Leuten sprechen, und unter „normalen“ Leuten verstand sie ihre Freunde, die sie über eine Internet-Community kennengelernt hatte. Sie kannte sie auch persönlich, hatte sie schon mehrmals gesehen. Doch irgendwie wollte ihre Mutter nicht verstehen, daß man Kontakte und Freundschaften auch auf dem virtuellen Weg pflegen konnte. „Die Kiste hat dich wieder abgelenkt, das reicht, ich nehme jetzt die Box weg und dann ist Schluß!“

 

Die „Box“ war die Wirelessbox, über der Maries Internet lief. Oder um es in anderen Worten auszudrücken: der Weg über den sie mit ihren Freunden sprach und kommunizierte. Wenn auch, zugeben, manchmal nächtelang. Aber Herrgott, sie waren Mädchen. Diese quatschten nun Mal gerne…

Marie seufzte wieder. Ein Abend ohne ihre Freunde. Es gab noch das Telefon, aber das war ja zu teuer. „Ich schreibe gerade an einem Aufsatz, für die Schule, den ich noch abschicken muß. Also würdest du die Güte haben und die Box dranlassen?“ fragte sie kleinlaut und versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Vermutlich war das auch so ein kleines Manko ihres Einzelkinddaseins. Sobald sie etwas nicht bekam, fing sie an zu heulen. „Dann kannst du die Box immer noch haben! Du bist doch schon süchtig nach dem Internet!“. Das Argument Nummer eins ihrer Mutter. Marie biß sich auf die Lippen. Sie war weder süchtig noch litt sich an irgendwelchen komischen Problemen. Aber was sollte sie denn dazu sagen außer: “Nein, bin ich nicht, ich rede lediglich mit meinen Freunden!“ Darauf kam nur dieses ironische: „Ja, deine Freunde“. Dann wurde einfach gegangen. Es war immer irgendwie dasselbe Spiel. Ihre Mutter ließ es sich nicht einfach erklären und wollte es vielleicht auch gar nicht erklärt bekommen. Es war immer, als ob man gegen eine Wand redete.

  Eine SMS an zwei Freundinnen teilte mit, daß sie den Rest des Abends nicht mehr Online käme, dann setzte Marie die Kopfhörer wieder auf. Gelassen drehte sie die Musik lauter und wandte sich ihrem Text zu, der auf dem PC-Bildschirm scheinbar schwamm, während sie versuchte, die Gedankengänge in Worte zu fassen und es irgendwie verständlich zu machen, wie man sich fühlte, in diesem Meer der Gesellschaft.  

                                                                                                                                                                                Kerstin Kerstin Mertenskötter                                                                                                                                                                 Der Schläfer im Tal

 

   Nach Arthur Rimbaud: Le dormeur du val

 

Frisches Grün gebirgsumwacht,

wo Sonnenschein Gewässer malt,

so silberfarben glanzbedacht,

das kleine Tal liegt hell erstrahlt.

 

Auf himmelfarb’nem Untergrund,

lavendelduftumwoben,

liegt ein Soldat mit offnem Mund.

Das Tal steht lichtdurchstoben.

 

Die kalten Füße sind ausgestreckt

Von purpurnen Gladiolen bedeckt

Die Haut scheint seltsam bleich.

 

Durch seine Nase geht kein Hauch,

Es ruht die Hand auf seinem Bauch.

Drei Löcher dort, gladiolengleich.

   Arthur Rimbaud

 

Le dormeur du val

C’est un trou de verdure où chante une rivière
Accrochant follement aux herbes des haillons
D’argent, où le soleil, de la montagne fière,
Lui ; c’est un petit val qui mousse de rayons.

Un soldat jeune, bouche oeverte, tete nue
Et la nuque baignant dans le frais cresson bleu,
Dort : il est étendu dans l’herbe, sous la nue,
Pale dans son lit vert où la lumière pleut.

Les pieds dans les glaieuls, il dort. Souriant comme
Sourirait un enfant malade, il fait un somme.
Nature, berce-le chaudement : il a froid !

Les parfums ne font pas frissonner sa narine ;
Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au coté droit.

                                                                                                                                                               

 carmen.jpg   Leina Wald (geb. 1981) 

 

I’m the wild orchid

in the graveyard

of dreamers

 

I’m the turquoise butterfly

in the dark woods

of nightmares

 

I’m the breeze of romance

the ghost of a smile

 

A touch of mortality 

                                                                                                                                                                 

 

Hans Claßen

 

Für Leina Wald

Nach: I’m the wild orchid

 

Orchidee, wild zwischen

   Der Traumgärten

      Grabhügeln gewachsen -

 

Türkisgrüner Schmetterling, 

   Schimmernd im Waldschwarz

      Des Nachtgesichts -

 

Im Wehn der Romantik

   Des Lächelns Widerschein.

 

      Berührung, verlangt von Zerbrechlichkeit -

                                                      

 

Johanna Mett (*1993)

  

Se(e)hnsuchstsblicke

 

Auf nassen Dünen, Blick ins Leere,

Nebel ergreift mit gespenstischer Hand

die See und auch dahinter das Land.

Und mein Herz erfüllt von schmerzender Schwere

zerrinnt, wie aus den Händen der Sand.

 

Kalter Regen tropft mir aus den Haaren.

Schemenhaft weit fort der Leuchtturm blinkt,

in mir, wie so oft, die Hoffnung entspringt.

Er wacht schon seit sehr vielen Jahren,

gibt acht, daß kein Schiff vor den Felsen versinkt.

 

Ob er es wohl auch vermag,

dir bei deiner Rückkehr beizustehn?

Die Stunde, in der wir uns wiedersehn,

voller Sehnsucht erwart’ ich diesen Tag.

Daß du fortgingst, konnt’ ich nie verstehn.

 

Wie die Wellen das Wasser an den Strand,

so trägt der Wind ihr Rauschen zu mir.

Auch Schritte eilen in hastender Gier

mit knirschenden Sohlen durch den Sand.

Es ist, daß ich den Verstand verlier’.

 

Denn eine Gestalt durchbricht jetzt die Nebelwand.

Sie trägt die Uniform von dir.    

       

Katharina Laukemper (*1994)

 

Lächeln

 

Lächeln,

ein Zeichen für Glück.

Lächeln,

ein Zeichen für Erleichterung.

Lächeln,

ein Zeichen für einen Neuanfang.

 

Lächeln,

ein Zeichen der Freude.

Lächeln,

ein Zeichen der Freunde.

Lächeln,

ein Zeichen für einen Neuanfang.

 

Lächeln,

ein Herz wird warm.

                                                                                                                                                                                                                                         

 

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