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Hans Claßen; Agnieszka Rzadca; Caspar David Friedrich, Mönch am Meer 

 

Hans Claßen  

Am Meer

 

Stumm übers Meer,

Wie Windvisionen,

Gehen die Glocken Vinetas.

  

Niemand vernimmt sie.

Das Brausen der Brandung

Vergräbt ihr Verwehen.  

 

Kein Wort aus den Wogen –

Vergaß das Vergängnis

Die Stimmen am Grund? 

Ins Polnische übertragen von Agnieszka Rzadca  

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Johanna Mett, Kerstin Mertenskötter, Katharina Laukemper, Leina Wald

 

Das Gedicht dieser Woche: 

 

Johanna Mett (*1993)

  

Se(e)hnsuchstsblicke

 

Auf nassen Dünen, Blick ins Leere,

Nebel ergreift mit gespenstischer Hand

die See und auch dahinter das Land.

Und mein Herz erfüllt von schmerzender Schwere

zerrinnt, wie aus den Händen der Sand.

 

Kalter Regen tropft mir aus den Haaren.

Schemenhaft weit fort der Leuchtturm blinkt,

in mir, wie so oft, die Hoffnung entspringt.

Er wacht schon seit sehr vielen Jahren,

gibt acht, daß kein Schiff vor den Felsen versinkt.

 

Ob er es wohl auch vermag,

dir bei deiner Rückkehr beizustehn?

Die Stunde, in der wir uns wiedersehn,

voller Sehnsucht erwart’ ich diesen Tag.

Daß du fortgingst, konnt’ ich nie verstehn.

 

Wie die Wellen das Wasser an den Strand,

so trägt der Wind ihr Rauschen zu mir.

Auch Schritte eilen in hastender Gier

mit knirschenden Sohlen durch den Sand.

Es ist, daß ich den Verstand verlier’.

 

Denn eine Gestalt durchbricht jetzt die Nebelwand.

Sie trägt die Uniform von dir.    

 

   

 Kerstin Mertenskötter (geb. 1986) 

 

Libellenflügelschlag

 

Libellenflügelschlag

in der Luft am See

bei dir im Ufergrün.

Himmel oben, Himmel unten.

 

Flügelschlag Libellen

in der Luft am See

neben dir im Ufergrün.

Himmel oben, Erde unten.

 

Schlag Libellenflügel

in der Luft am See

neben dir im Ufergrün.

Himmel oben, Hölle unten.

   

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Johanna Mett (*1993), Angela Buhl (*1989),  Theresa Schnettler (*1990), Katharina Laukemper *1994 

  

Theresa Schnettler (*1990)  

Sei doch mal locker!  

 

Die Musik dröhnt laut. Zwingt mitzutanzen. Spaß zu haben. Sich einfach mal locker gehen zu lassen. Ohne mich! –  

„Oh, Mann …!“ Dave, mein bester Kumpel, stöhnt, das halbvolle Bierglas in der Hand, mit der anderen eine Zigarette umklammernd. „Ey, ich will ja nicht persönlich werden, Alter … aber…“ Der Rest des Satzes geht im lautstarken Rülpsen unter. Vielleicht auch besser so. Er ist schon recht betrunken. Ich trinke nicht.“ Also …, wenn wir mal ganz ehrlich zueinander sind …“ Ich warte ab. Solche Sätze hasse ich. Etwas in mir verkrampft sich. Eine Vorahnung. „Du bist so uncool“. Ich blicke ihn völlig überrumpelt an.  „Wie?“ - „Oh, Mann …, bleib ruhig, du bist jetzt schon fast achtzehn …“Ich blicke zu Boden. Schlucke. Wuschele mir verlegen durch die Haare. Ich ahne schon, was gleich kommt. Plötzlich beginne ich zu schwitzen. „Was ist los mir dir? Du trinkst nicht …, du rauchst nicht …, du gehst kaum auf Partys …, hast du überhaupt mal Spaß?“ Ich bekomme Angst. Aber das zeige ich nicht. Wie immer. Es geht wieder los. Dafür lehne ich mich zurück, lache: „Hör mal …, das Mörderzeugs, das du nimmst … , das zieh ich mir nicht rein…“ Aber heute hört Dave nicht auf. 

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Agnieszka Rzadca und Hans Claßen 

 

Agnieszka Rzadca

 

Am Ufer

 

Wenn die gläserne Oberfläche einbricht

und er vom Ufer aus dir die Hand reicht,

dann versinke nicht in Gedanken.

 

Es ist nicht wichtig, ober der Himmel sich neigt

oder ob du von unten nach oben greifst.

Die Rettung ist die VerBindung.

 

 

Junge Kraniche …

                                                Für Hans Claßen

 

… sehen über den Feldern und Wäldern ein Umkehren.

Die Großen haben es gesagt.

Alles braucht seine Zeit.

Das Bleiben, das Fliegen und das “sich Erheben” in die Höhe.

Dort oben berührt ein Kosmos den anderen mit dem Finger.

Singt Lieder, schweigt und zeigt auf ohne störende Frequenzen,

denn die Alten breiten ihre Flügel über den Jungen aus

und ziehen mit ihnen selbst bei Gewitter an Hindernissen vorbei,

damit jene einen Blick werfen können auf die Blütezeit.

   

Foto: Agnieszka Rzadca

 

Hans Claßen

 

Glatt, ohne Risse …

 

Ricarda Huch zugeeignet

 

Perlmutt’ner Fäden fänden Astrologen

In Galaxien Planeten glatt bespannt,

Als hingen Augenblicke wie in Wogen 

Myriad’ner Ozeane ohne Land.  

 

Und fänden Schemen einer blassen Barke,  

Gebleicht von banger Nebelweltenschau,  

Vor Anker ohne Hafen und die Marke

Verhängter Heimkehr unbekannt im Blau.

  

Ein Fischschwarm aber tanzt wie vor Gestaden

Und rührt an der vergess’nen Erde Saum.

Da reißt türkis dem Augenblick der Faden.

Es wird das All … Dann wieder alles Raum.

 

 

Früher Abend

 

Am violetten Abendhorizont

Schwinden im Herbstlicht

Die Tagesfarben.

 

Auf der Höhe der alte Weg,

Dunstig das Dorf

Versunken im Tale - 

 

Nur der Kraniche Flug

Wissend über dem Wald,

Schrille Mauer des Schweigens.

 

 

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 C. D. Friedrich, Gebirgige Flußlandschaft          

           

Zwölf Sonette an Euphorion: Siebtes Sonett        

                     

Der Nachtwind spiegelte die Wasser schwarz.

In Brunnen schien ihr Spiegel noch so rein

Wie nach der Kelter klar gereifter Wein.

Sank fahl ihr Licht dahin: Der Grund bewahrt ’s.

           

So fließt ein Strom voll duft’gen Waldes Harz -

Mit trunk’nem Purpurflor im späten Schein

Der Sonne rauschig funkelnd - an den Rain

Der dumpfen Fluren Ufer, wie aus Quarz.

              

Da rauschte auf ein Quell. Im schwarzen Grunde

Ihn zu fassen, richt’ das Auge schnell!

Bald wäre wohl dein Bild darin zu sehn.

              

Du wärst im Grunde selber gar der Quell

Und fühltest, rinnend schon durch Raum und Stunde,

Dein Spiegelbild im Schwanken und Verwehn …

                   

Aus (c): Mondlicht fiel auf Blütenstaub. Romantische Spuren, Frankfurt a. M. 2001

 

 

Nordseeabend

                                       Für Agnieszka  

 

Das Inselwatt verblaßt beim Meeresgrau

Wie Dämm’rung vor bedräuenden Reklamen

Von Kuttern, die am Strand vorüberkamen.

Der Nachtwind löste unflutbares Flau.

 

Matt klammert es an Rahe, Mast, und rauh

Streift Sturmlicht schwankend schwarz erwachte Fahnen.

Ins Branden stößt ein Möwenschrei wie Mahnen,

Verzerrt in fahler Schäume Ungenau …

 

 

Gedichte von Hans Claßen lesen:

     

“Literatur” (Rubrik oben auf der Seite) angeklickt, führt über “Gedichte” zu weiteren Gedichten von Hans Claßen. Darunter die Übertragung “Der Schläfer im Tal” des Arthur-Rimbaud-Sonetts “Le dormeur du val” sowie auch das Poem  “Am Meer” und dessen polnische Übertragung “Nad morzem” von Agnieszka Rzadca.           Gedichte   “Le dormeur du val”   “Am Meer” 

http://www.ixlibris.de/content/Gedichtbaende/classen_hans__mondlicht.htm